Wenn die Kinder aus dem Krabbelalter raus sind, oder noch besser: ein gewisses Maß an Vernunft ihren Kopf erreicht hat (in welchem Alter auch immer), hat man das Ordnung halten im Haus normalerweise recht gut im Griff. Draußen, insbesondere im Garten, sieht es schon um einiges anders aus. Hier herrschen Regeln, die wir nur begrenzt beeinflussen können: ein Sturm kann Dinge umwehen oder abbrechen, Regen kann schwächere Pflanzen platt machen und Trockenheit kann vieles absterben lassen. Doch die mächtigste Kraft, die für Unordnung sorgt, ist ohne Frage das Wachstum. Ausgerechnet die unschönen und die ungewollten grünen Geschöpfe sind am stärksten mit dieser Kraft ausgestattet. Nur ein paar Tage krank, schlechtes Wetter oder Urlaub – schon sieht’s aus wie bei Hempels unterm Sofa. Wer jetzt von der Aufschieberitis befallen ist, wird mit der Zeit nur noch schwerlich Ordnung schaffen können, da die Wachstumskraft nun mal kein Mitleid kennt und deshalb auch keine Pause einlegt. Da muss man halt mal die Ärmel hochkrempeln und dann ran!
„Ordnung ist das halbe Leben“ – sagt man. Das heißt aber auch, dass es noch die andere Hälfte gibt (Gottseidank!). Da mein Grundstück rund 2.000qm Fläche hat, tendiere ich schon ein klein wenig Richtung der zweiten, der unordentlichen Hälfte. „Unordentlich“ ist eigentlich ein böses Wort, das einen erheblich negativen Beigeschmack hat. Dabei kennt die Natur keine Unordnung – das ordnen nur wir Menschen so in unsere Denk-Schubladen. Drum bin ich im Garten weniger Mensch als vielmehr Teil der Natur; deshalb ist „unordentlich“ bei mir „naturnah“. Was den unbelebten Teil des Gartens betrifft (Geräte, Werkzeug etc.) habe ich selbstverständlich alles sortiert – schon alleine, um das Benötigte rasch wiederfinden zu können, wenn ich es brauche. Aber dem belebten Teil lasse ich doch mehr Freiheit als oftmals bei anderen Gartenbesitzern üblich. Spontan sich selbst ausgesäte Blumen zwischen dem Gemüse, Wildkräuter wie Acker-Löwenmaul, Feinstrahl oder Glockenblume werden beim Jäten so weit verschont, wie es mir passend erscheint. Andere Unkräuter (Vogelmiere, Franzosenkraut etc.), Ungräser, Unsträucher (Wildrosen, Brombeeren) oder Unbäume (Birken, Eichen, Ahorn) werden von mir schon als Baby-Pflanze gnadenlos entfernt – soweit sie sich erdreistet haben, sich ihren Platz dort zu wählen, wo er mir gar nicht passt. Irgendwo hat „naturnah“ auch seine Grenzen.
Schwierig wird’s immer, wenn sich ein Besuch angemeldet hat, der Interesse am Garten hat. Wie vor einiger Zeit die Mitglieder des Imkervereins meiner Frau, die sich zur „Standbesichtigung“, also der Begutachtung der Bienenkästen und dem Austausch von Erfahrungen, bei uns angemeldet hatten. Solch eine Standbesichtigung findet in jedem Jahr bei einem anderen Imker statt, um die unterschiedlichen Arbeitsweisen kennenzulernen. Da diese Bienenfreunde sehr naturverbunden sind, haben sie natürlich auch ein vermehrtes Interesse, die Bedingungen für die Bienen in allen Bereichen kennenzulernen. Ein „Eben-durch-den-Garten-gehen“ gehört da zum Pflichtprogramm. Und der Garten ist nun mal mein Part. Einerseits sage ich mir dann: „Was soll’s? So sieht mein Garten eben aus. Basta!“ Aber auf der anderen Seite (irgendwo tief im Innern) wird dann doch der Rest von Ehrgeiz geweckt, den ich normalerweise gerne schlafen lasse. Und ganz ehrlich: wer hört nicht gerne: „Du hast aber einen schönen Garten“? Also investierte ich eine gehörige Portion Zeit und schnappte mir die Schere, um die Gartenwege frei zu schneiden, damit die Besucher bequem über die Platten gehen konnten und auch bei feuchtem Wetter keine nassen Hosenbeine bekommen würden. Als naturnahen Kompromiss ließ ich hier und da einen Zweig Thüringische Minze weiter auf den Weg wachsen, damit die Gäste beim Vorbeigehen dieses unverkennbare Geruchserlebnis haben würden. Verblühtes und trockene Zweige wurden aus den Rosen und den Stachelbeersträuchern herausgeschnitten, die Beete wurden aufgelockert und die Brennnesselfläche unter dem Pflaumenbaum wurde ein wenig in die Schranken gewiesen.
Nun war alles bereit – die Imker konnten kommen. Diese waren dann auch voll des Lobes. „Eine so große Fläche immer so picobello zu halten ist aber eine gewaltige Aufgabe“, hörte ich da. Weil ich es besser wusste, habe ich nur leicht genickt. Als der Nachmittag vorbei und die Besucher abgefahren waren, dachte ich so bei mir, dass ich vielleicht doch versuchen sollte, den jetzigen Zustand beizubehalten. Doch dann vergingen die Wochen mit der Ernte von den roten, weißen und schwarzen Johannisbeeren, den Stachelbeeren, Bohnen, Erbsen, Möhren und zu guter Letzt den Brombeeren. Da sie nicht nur geerntet, sondern auch verarbeitet werden wollten, vergingen die Tage wie im Flug. Das oben erwähnte Wachstum hat in der Zeit natürlich keine Pause eingelegt; und schon hatte sich die ungewollte Spontanvegetation etliche Flächen zurückerobert – in der vollen Absicht, den Garten wieder naturnah zu gestalten. Diesen Hinweis habe ich natürlich sofort verstanden…
Text: Manfred Kotters
Bider: Landesverband der Gartenbauvereine NRW e.V., Petra Bloom