Ihr Manfred Kotters

Kiwi im Garten

Mein 50. Geburtstag war allemal ein triftiger Grund zum Feiern. Im Gegensatz zum Älterwerden gehören die Geschenke zu den angenehmen Nebenwirkungen eines solch einmaligen Tages. In den vergangenen Jahrzehnten war vielen von meinen Freunden klar geworden, dass mein Hobby der Garten ist. Mit den Bemerkungen: „Finde ich ganz toll – bei Dir wächst das bestimmt“ oder „Bei dem großen Garten findest Du dafür sicherlich noch ein Plätzchen“ wurden die unterschiedlichsten Kübel mit den unterschiedlichsten Pflanzen vor mir abgestellt. Darunter war auch eine Kiwipflanze – ungefähr 60cm hoch und niedlich.

Kiwi? Interessant – hatte ich noch nicht. Als ich mich später über diese Pflanze informierte, konnte ich lesen, dass man zumeist eine männliche und eine weibliche anpflanzen müsste, um auch Kiwifrüchte ernten zu können. Es gäbe aber auch sogenannte „einhäusige“ Kiwi, bei denen sich männliche und weibliche Blüten an einer Pflanze befänden. Als ich die Kiwi-Schenkenden danach fragte, gab’s nur Erstaunen und Schulterzucken: „Wie? Kiwi ist doch Kiwi!“ Meine aufkeimende Befürchtung, dass es ein Spontankauf gewesen war und die Pflanze niemals einen vertrauenswürdigen Gartenbaubetrieb gesehen hatte, verstärkte sich zudem, als ich auf dem Topf weder einen Sortennamen noch eine Bemerkung über Ein- oder Zweihäusigkeit fand. Blieb mir also nur die Hoffnung, dass bei meiner Kiwi Mutter und Vater in einem Haus wohnen würden.

Diese Hoffnung trug ich stets im Herzen – sieben Jahre lang. Dann erschienen die ersten Blüten. Doch meine intensive Suche wurde nicht mit einem Fruchtknoten, sondern nur mit Staubgefäßen belohnt: Es war eine männliche Kiwi. Na ja, schön anzusehen war sie wohl: mit den rot behaarten mehrere Meter langen Ranken, die sich trotz wiederholter Kappungen immer wieder in den Pflaumenbaum hineinschlängeln wollten. Somit hatte ich nun quasi eine Zierkiwi, da Früchte nicht zu erwarten waren. Zufriedenheit ist was Anderes! Aber der Ehrgeiz, Kiwis im eigenen Garten ernten zu können, hatte mich noch nicht verlassen. Also an die Arbeit: zuerst wurde das rund zehn Meter breite Rankgerüst auf drei bis vier Meter von der Ursprungskiwi befreit und im zweiten Schritt eine neue Pflanze gekauft. Eine Bayern-Kiwi, bei der sich je eine männliche und eine weibliche Pflanze im Topf befanden. Sie sollte gemäßigter wachsen und viele Minifrüchte tragen.

Da die neue Pflanze mit den Jahren trotzdem immer mehr Platz benötigte, habe ich mich schließlich entschlossen, die Geburtstagskiwi zu entsorgen. Sie hat sich zwar jahrelang mit immer neuen Bodentrieben dagegen gewehrt – aber letztendlich doch verloren. Wieder vergingen einige Jahre. Endlich entdeckte ich Blütenknospen an der Bayern-Kiwi. Doch eine einzige Frostnacht verwandelte sie in ein schwarzes Etwas. Dieses kalte Erlebnis wiederholte sich noch einige Male. Nun ist es für gewöhnlich so, dass bei einer Bayern-Kiwi die männliche Pflanze wesentlich wuchsfreudiger ist, als die weibliche. Aus dem Grunde war zwar das Pflanzenvolumen enorm – aber es gab hauptsächlich Blüten, die nur zur Bestäubung da waren. Nach dem Motto „hartes Herz und scharfe Schere“ habe ich deshalb recht radikal die Ranken gekürzt, um der Weiblichkeit mehr Raum zu verschaffen. Etwa 20 Jahre später habe ich zum ersten Mal die Aussicht auf eine Ernte von eigenen Kiwis. Um sicher zu gehen (eine Bekannte erzählte mir, dass bei ihr die Vögel stets die Ernte übernähmen), habe ich die meisten der kleinen Früchte in Säckchen verpackt, so wie ich das auch bei den Weintrauben mache. Bis zur Ernte bleibt mir nur noch eine letzte Ungewissheit: mag ich überhaupt Kiwis?

Text und Bilder: Manfred Kotters