Ihr Manfred Kotters

Natürliche Intelligenz

Momentan ist KI, also die künstliche Intelligenz, in aller Munde. Interessanterweise verbindet jeder Intelligenz in diesem Zusammenhang ausschließlich mit dem menschlichen Gehirn; bei längerem Nachdenken eventuell noch mit Menschenaffen, Rabenvögeln oder Delphinen. Anderen Tieren, wie zum Beispiel den Insekten, traut man höchstens genetisch gesteuerte Instinktleistungen zu, obwohl das Staatenverhalten innerhalb eines Ameisen- bzw. Honigbienenvolkes in manchen Fällen wirklich intelligente Züge hat. In meinem Garten sind mir in den letzten Jahren zudem Verhaltensweisen aufgefallen, die für mich recht ungewöhnlich waren und mich bewogen haben, auch kleine Tiere mit zum Teil winzigen Gehirnen mit anderen Augen zu sehen.

Dass die Amseln es durch die Apfel-Winterfütterung gelernt haben, dass dieses Obst auch im Herbst am Baum lecker ist, daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Deshalb schütze ich die schönsten Früchte mit Fruchtschutzbeuteln, die ich ursprünglich lediglich zum Weintraubenschutz vorgesehen hatte; die Äpfel sind dadurch für die Vögel unerreichbar. Die Trauben waren auf diese Weise ebenfalls jahrelang vor ungewollten Mitessern geschützt. Für die Vögel sind sie es weiterhin, doch es gibt auch andere Tiere, die Trauben lieben: Wespen. Wie den Vögeln war es ihnen jahrelang nicht möglich, an die beutelgeschützten Trauben zu gelangen. Im letzten Jahr jedoch haben sie sich eine neue Taktik „ausgedacht“: mit ihren scharfen Mundwerkzeugen können sie nämlich nicht nur Holz abraspeln, um so Baustoff für ihr Nest zu bekommen, sondern sie zerbeißen nun die Fäden der Beutel und gelangen so ins Innere, wo sie nach getaner Arbeit nur leere Schalen zurücklassen. Durch diesen neu geschaffenen Eingang kommen jetzt weitere Mitesser: diverse (Frucht-)Fliegen. Hierbei beweist es sich erneut, dass Wespen intelligenter sind als Fliegen; sie haben nämlich nicht nur ihren persönlichen Eingang geschaffen, sondern verlassen zielstrebig nach jeder Mahlzeit den Beutel, um in Richtung zuhause davonzufliegen. Die Fliegen dagegen haben nach ihrem Krabbeln ins Innere sogleich vergessen, wo sich der Ausgang befindet – sie suchen sich im wahrsten Sinne des Wortes tot und liegen letztendlich massenweise dahingestreckt unten im Beutel. Dass dieses Verhalten der Wespen kein Zufall, sondern eine neu ausgeklügelte Taktik ist, konnte ich daran sehen, dass nicht nur einer, sondern über 20 Beutel diese Löcher aufwiesen. Da ein Wespenvolk im Gegensatz zu den Honigbienen, nicht den Winter überlebt, sondern lediglich eine Königin, die im folgenden Jahr ein neues Volk gründet, bin ich mal gespannt, ob die Königin dieses Wissen dem neuen Volk weitergeben kann oder ob das Lochbeißen ein einmaliges Phänomen bleiben wird. Meine Hoffnung ist die zweite Variante.

Ob es solch eine Weitergabe von Informationen auch bei den Honigbienen meiner Frau geben wird, ist die zweite Frage, die ich mir in diesem Jahr stelle. Im Unterschied zu den Wespen überlebt schließlich bei den Honigbienen das gesamte überwinternde Volk; dadurch ist die Chance der Wissensweitergabe über das Entdecken neuer Futterquellen theoretisch wahrscheinlicher. Zu meiner Verwunderung haben sie sich nämlich im vergangenen Jahr zum ersten Mal in großer Menge um die Blüten unserer Magnolie und unseres Bienenbaums (Euiodia hupehensis) gekümmert. In den Jahren davor, flogen sie stets nach dem Motto „was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“ aus ihren Kästen und verschwanden in der Ferne ohne sich um diese Pflanzen in ihrer direkten Nachbarschaft zu scheren. Die Blüten unserer Kiwi wurden ebenso erst in der letzten Zeit als Nektar- und Pollenquelle entdeckt. Daraus kann man schließen, dass die Honigbienen tatsächlich auch Neuem gegenüber aufgeschlossen und nicht ausschließlich auf einheimische Pflanzen „programmiert“ sind. Eingefahrene Wege auch mal zu verlassen und Unbekanntes auszuprobieren hätte man so einem winzigen Insektengehirn eigentlich nicht zugetraut.

Doch Anpassungsfähigkeit beschränkt sich nicht nur Tiere, sondern auch auf Bakterien, Viren und Pilze, wie wir durch die Mutationen bei den Corona-Viren gelernt haben. Was hat das nun mit unserem Garten zu tun? Ganz einfach: auch im Garten gibt es diese Lebensformen – bedauerlicherweise zumeist als Krankheiten. Nehmen wir zum Beispiel den Amerikanischen Stachelbeermehltau. Glücklicherweise gibt es Züchtungen zuhauf, die gegen diesen Pilz resistent sind. Allerdings, so sagt die Wissenschaft, hält diese Widerstandkraft in der Regel lediglich rund zwölf Jahre. In dieser Zeit hat sich zwar die Abwehrkraft des Stachelbeerstrauchs nicht verschlechtert, aber der Pilz hat durch zufällige Mutationen erreicht, dass er die bestehende Resistenz überwinden kann. Auch auf diese Weise hat die Natur sich also die Möglichkeit gegeben, auf Hindernisse bei der Vermehrung zu reagieren; irgendwie auch clever. Doch wir Hobbygärtner müssen nun das Feld nicht kampflos dem Pilz überlassen, da auch wir Menschen uns mit der Wissenschaft weiterentwickelt haben. Da wir wissen, dass die Pilzsporen an den Triebspitzen der Zweige überwintern, müssen wir lediglich diese entfernen, um die Stachelbeersträucher befallsfrei zu halten; was bei mir bereits seit Jahrzehnten tatsächlich klappt. Hoffen wir mal, dass der Pilz seine Überwinterungsstrategie beibehält.

Wenn man sich die Natur etwas genauer anschaut, kann man immer wieder Phänomene beobachten, die in den Bereich einer irgendwie gearteten Intelligenz zu gehören scheinen. Ob Ameisen- und Termitenvölker, Webervögel oder auch das raffinierte Legeverhalten des Kuckucks – sie alle reagieren auf die unterschiedlichsten Lebens- und Umweltbedingungen sowie deren Veränderungen. Wir Menschen dagegen neigen immer mehr dazu, unsere Gehirnleistungen und Intelligenz ins künstliche auszulagern und lassen Rechner für uns nachdenken, weil es bequem und effektiv ist. Es wird allerdings interessant sein, wer am Ende das Rennen gewinnen wird: die künstliche oder die natürliche Intelligenz.

Text und Bilder: Manfred Kotters